Fokale Therapie des Prostatakarzinoms mittels Irreversibler Elektroporation (IRE)

Die irreversible Elektroporation (IRE oder auch NanoKnife genannt) ist eine moderne, minimal-invasive Tumortherapie, bei der Tumorzellen dadurch vernichtet werden, dass starke, örtlich begrenzte elektrische Felder winzige Poren (Öffnungen) in den Zellmembranen herbeiführen und dadurch die Tumorzellen zerstören. Die Reste der verstorbenen Tumorzellen werden dann von körpereigenen Zellen des Immunsystems (Makrophagen) aufgefressen (phagozytiert) und entsorgt.

Die fokale Therapie des Prostatakarzinoms positioniert sich zwischen der „aktiven Überwachung“ des Patienten und den „radikalen“ Therapien, bei denen die gesamte Drüse behandelt (chirurgisch entfernt oder bestrahlt) wird.

Zur Erläuterung: Harnröhre und Nerven (wie auch Blut- und Lymphgefäße) bestehen nicht nur aus Zellen, sondern auch aus einer komplexen und stabilen Gewebematrix. Radikale Therapien können diese wichtigen anatomischen Strukturen, die die Prostata umgeben und z.B. für die Erektionsfähigkeit des Penis (Potenz) und die Kontrolle der Blasenentleerung (Harnkontinenz) verantwortlich sind, schädigen. Hier liegt nun der Vorteil der IRE: Denn die nicht-zellulären Gewebebestandteile werden bei der IRE weitgehend geschont und können somit dazu beitragen, nach dem Eingriff auch die Zellen wieder zu regenerieren.

Schonende, fokale Behandlungsmethoden wie die IRE gewinnen bei Patienten und Ärzten zunehmend an Interesse. Prostatakarzinome können sich sehr stark in Ihrer Aggressivität und entsprechend in Ihrer „Gefährlichkeit“ unterscheiden. Während die meisten Prostatakarzinome sehr langsam wachsen und ein relativ indolentes Verhalten vorweisen, zeigen einige Patienten Tumore mit einem aggressiveren Verhalten und einem entsprechend höheres Risiko einer Tumorausbreitung auch jenseits der Prostata. Aus diesem Grund, reichen die Therapieoptionen beim Prostatakarzinom von der „aktiven Überwachung“ des Patienten bei niedrigem Risiko bis zu „radikalen“ Therapien der gesamten Drüse (chirurgische Entfernung oder Bestrahlung) bei höherem Risiko. Eine Behandlung des Prostatakarzinoms mittels IRE positioniert sich zwischen diesen beiden Extremen. Die wichtigsten Kriterien zur Einschätzung ob eine IRE indiziert ist sind,

  • dass das histologisch gesicherte Prostatakarzinom nicht metastasiert ist und keine klinisch signifikanten Tumoranteile außerhalb des geplanten Behandlungsgebiets vorhanden sind
  • dass der PSA-Wert nicht größer als 15 ng/ml und der Gleason-Score (Differenzierungsgrad der tumorösen Zellen) nicht größer als 3+4 ist
  • Weitere Kriterien, die eine IRE ausschließen, beziehen sich in der Regel auf Vorbehandlungen oder Vorerkrankungen.

Vorher

Die Therapie ist mit einem dreitägigen stationären Aufenthalt verbunden. Am ersten stationären Aufenthaltstag wird Ihnen ein EKG angefertigt. Zusätzlich erhalten Sie eine Aufklärung durch den zuständigen Operateur sowie im Anschluss eine anästhesiologische Aufklärung durch die Kollegen der Anästhesie. Ebenfalls am Aufnahmetag wird eine prophylaktische, insgesamt fünftägige Antibiose begonnen.

Während

Am Interventionstag werden Sie um 7:30 ins OP transportiert. Vor Abfahrt werden Sie auf Station einen peripheren venösen Zugang erhalten. Zusätzlich werden bei Ihnen Damm und innere Oberschenkel vollständig rasiert und Sie erhalten einen rektalen Einlauf. Nach Einleitung der Vollnarkose erhalten Sie im OP einen Blasen-Dauerkatheter zum Schutz der Harnröhre. Die Dauer der Therapie beträgt insgesamt ungefähr 1,5 Stunden. Danach werden Sie in dem Aufwachraum transportiert und anschließend zurück auf unserer radiologischen Station.

Der einliegende Blasen-Dauerkatheter wird in Abhängigkeit von Ausdehnung und Lage des Ablationsareals gezogen.

Abbildung 1: Bildgeführte Einführung der IRE-Elektrode durch den Damm mit Hilfe einer speziellen Schablone (Grid). Die gesamte Prozedur erfolgt unter ständiger Bildkontrolle.

Nachher

Am dritten postoperativen Tag können Sie in der Regel entlassen werden. Vor Ihrer Entlassung erfolgt ein Abschlussgespräch mit einem der Operateure. Nach erfolgter IRE muss der Patient regelmäßig (erstmalig nach drei Monate und danach im Drei-Monats-Rhythmus) seinen PSA-Wert kontrollieren lassen. Sechs Monate nach der IRE erfolgt zudem eine MRT-Kontrolle bei uns im Haus mit anschließender Befundbesprechung. Zusätzlich erfolgt nach der MRT eine MRT-gestützte Stanze des behandelten Areals.

Zu den häufigsten Komplikationen, die im Verlauf nach IRE auftreten können zählen unter anderem:

  1. Harnwegsinfekt – bitte stellen Sie sich bei Ihrem Hausarzt/Urologe vor falls Sie im Verlauf febrile Temperaturen entwickeln.
  2. Harnverhalt – falls Sie im Verlauf nach Entfernung des Blasenkatheters nicht mehr Wasser lassen können, müssen Sie sich umgehend in der nächsten Notaufnahme vorstellen. Im Falle eines Harnverhalts erfolgt erneut die Anlage eines Blasenkatheters

Abbildung 2: Das Beispiel zeigt ein Prostatakarzinom (Pfeil) rechts in der peripheren Zone der Prostata, das mittels verschiedener MRT-Techniken untersucht wurde (sogenannte multiparametrische MRT). (a) In der T2-Wichtung kommen Prostatakarzinome als „dunkle“ Areale in der sonst „helleren“ peripheren Zone zur Darstellung. (b und c) Diffusionsgewichtete Bilder zeigen eine eingeschränkte Diffusion (Bewegung) der Wasserstoffmoleküle im Tumorareal, was auf die hohe Zelldichte von Tumoren zurückzuführen ist. (d) Die für Tumore typische starke Durchblutung (Hypervaskularisation) ist in kontrastmittelverstärkten Bildern erkennbar, in denen Prostatakarzinome oft aufleuchten.

Abbildung 3: Darstellung eines Prostatakarzinoms in der T2-gewichteten MRT (links) und korrespondierendes Ultraschallbild (rechts). Der grüne Ring markiert in beiden Techniken den Tumor. Im Ultraschall grenzt sich der Befund ebenfalls dunkel (in der Fachsprache echoarm) ab.

Kontakt


Minimal-invasive Tumortherapie (MITT)
Charité Campus Virchow-Klinikum (CVK)
Klinik für Radiologie
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin

  TV-Bericht

NanoKnife – Mit 1500 Volt gegen Prostatakrebs
> rbb Praxis, 7.9.2016

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* Publikationen der Prostata-Gruppe der Charité